Die Betstunde der Kommunionkinder am Karfreitag des Jahres 1948

Es ist ein recht kalter, geradezu spätwinterlicher Tag, der Karfreitag des Jahres 1948.
Wir, die Kinder des Geburtsjahrganges 1939, etwa 40 Knaben und Mädchen, sind die diesjährigen Kommunionkinder; demgemäß werden wir auf den Empfang der ersten hl. Kommunion vorbereitet. Unser Pfarrer, Hochwürden Johannes Roßmann, ist unser Betreuer und Glaubensmentor im Rahmen der Hinführung an den Tisch des Herren.

Für den Karfreitag hat er für seine Gläubigen gruppenweise Betstunden in der Kirche geplant. Alle seine Schäfchen - die zahlreichen Jungfrauen, die Mütter und Großmütter, die Männer jeglichen Alters und die Kinder, ob männlich oder weiblich - wurden exakt erfasst und zu festgelegten Betstunden in die Kirche beordert.

Die besondere Betstunde für uns Kommunionkinder an diesem hehren Feiertag ist für die Zeit von 14.00 - 15.00 Uhr vorgesehen. Alle Mädchen und Knaben zollen der kirchlichen Obrigkeit gehörigen Respekt und treten in Demut und Stille, wie es sich am Todestag des Herrn schickt, zu Beten an. In der großen Kirche versammeln sich die Knaben vorne rechts und unsere settsam wie züchtigen Zopfträgerinnen vorne links.

Weit hinten in der Kirche, kaum sichtbar im düsteren Kirchenschiff, hat sich eine stark bejahrte Seniorin, es ist die Scholzjörge Agatha, eingefunden, um den Tod des Herren in stillem Gebet mitfühlend zu betrauern.

In den eng besetzten Bänken auf der Knabenseite entfaltet sich alsbald reges Leben. Geraume Zeit verstreicht und Geduld ist angesagt. Hochwürden lässt Minute um Minute auf sich warten. In der Folge macht sich Ungeduld breit und es kommt auf der Knabenseite zu allerhand höchst unfrommen Aktivitäten. In den Bänken hebt kräftiges Geschiebe mächtig an. Vorderleute werden mehr oder weniger heftig geschupst oder gar getreten. Zahlreiche Mützen segeln durch die kalte Kirchenluft, Gesangbücher flatern zu Boden und Kopfnüsse werden in großer Zahl verteilt. All das: äußerst unheilig und fürwahr sündhaft an diesem Tag und geweihten Ort! "Wehe" wenn sie losgelassen! So mag die treu-fromme Christin Agatha mit argen Schrecken denken.

Vielleicht mag ihn das Mittagsschläfchen oder der übermäßig fette Karfreitagsfisch übermannt, überwältigt und zu einem schlummerstündchen auf seinem weichen Stubensofa verleitet haben. Wir ahnen es!

In der folge stößt er etliche Knaben zur Seite, überhäuft uns mit Schimpf und Schande und beteuert, dass wir unwürdig seien, die Erstkommunion zu empfangen. Im militärischen Kommandoton lässt er uns Knaben in Reih und Glied in der Saktristei antreten. Was mag nun  kommen? Unsere nunmehr Mitleid fühlenden Mädels mögen Gebete flüstern. Nochmals, nur fabiater, werden wir kleinen Knechte des Herren traktiert. So hagelt es unaufhörlich Boxhiebe, ungezielt und hart. Haarbüschel fliegen durch die Luft, Knöpfe von Mötzchen und Mäntelchen surren zu Boden. Das Geschimpfe will kein Ende nehmen. Was wird Gott Vater im hohen Himmel von seinem irdischen Diener wohl denken? Wie steht es mit den allzu hoch erhobenen Werten der "chrisatlichen Nächstenliebe" und der Gnade des Verzeihens? Auch das Bekennen eigener Schuld muss jedem Christen bedeutsam sein!

Wahrlich - der unheilige Event am Karfreitag in der Rommerzer Kirche findet sein Ende. Gebetsstunde und Unterrichtung in der Glaubenslehre fielen irdischen Abseitskeiten zum Opfer. Niemand im Dorf erhielt Kenntnis, nur Agatha, die still Betende und Trauernde wurde unserer Untaten gewahr.

Und es naht der Sonntag unserer ersten hl. Kommunion. Herausgeputzt treten wir vor den Altar. Unsere Lehrerin, Fr. Groß, hat uns mit den hehren Glaubensworten herangeführt: "O mein Jesu, ich hoffe auf dich als auf die unendliche Barmherzigkeit".

Erwin Rübsam, rem 20148

   
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