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1923   Werksansicht Neuhof                                                 1926   Ansicht Ellers   1
ca. 1923 Schacht Neuhof                                                 ca. 1923 Schacht Ellers I bei Rommerz

 

 

Marsch der arbeitslosen Bergleute 1926 zum Landratsamt Fulda

Erstellt von Josef Heimüller

Mit der Stilllegung der beiden Kalischächte in Neuhof trat bei vielen Familien in Neuhof = Ellers – Neustadt – Opperz und den Nachbargemeinden große Not ein.

Eine Arbeitslosenversicherung gab es nicht und so mussten die Eltern der Bergleute ihre Söhne, welche nun arbeitslos geworden waren ernähren. Eine Kuh reichte nach den damaligen Bestimmungen schon aus um die Ernährung der Kinder zu gewährleisten. Wo überhaupt nichts vorhanden war, sprang die Gemeinde mit einer kleinen Beihilfe ein.

Da die Gemeinden nun auch keine wesentlichen Steuereinnahmen mehr hatten, so waren die Beihilfen sehr karg bemessen. Bei vielen Familien war nicht nur der Vater arbeitslos geworden, sondern auch die erwachsenen Söhne. Es arbeiteten so gut wie fast alle erwachsenen Männer in Neuhof und Umgebung auf den beiden Kaliwerken. Die jungen Bergleute hatten so gut wie überhaupt keinen Pfennig Geld in der Tasche.

Es wurde bei Zusammenkünften unter freiem Himmel beschlossen nach Fulda auf das Landratsamt zu marschieren um auf die Notlage aufmerksam zu machen, verbunden mit der Hoffnung doch ein paar Mark zum Lebenserhalt zu bekommen.

Sprenglöcher werden mit der Lisbethschen Handbohrmaschine gebohrt  
Sprenglöcher werden mit der Lisbethschen Handbohrmaschine gebohrt

Bei einer Vorsprache bei dem Bürgermeister Emil Möller von Ellers wurde ihm dieser Schritt nicht für gut befunden. Die Arbeitslosen jungen Bergleute, so gut wie keinerlei Einkommen hatten es nun einmal beschlossen und führten es auch aus. Morgens um 6.00 Uhr trafen sie sich an der Linde in Ellers und setzten sich nach Fulda in Marsch. Der Fußmarsch ging über die Alte Heeresstraße nach Hamerz und dann durch die Löhrstraße zum Schloss, wo sich im hinteren Schlosshof auf der linken Seite das Landratsamt befand.

In dem Wald an der Alten Heeresstraße schnitt sich ein jeder einen dicken Spazierstock ab, gesetzt den Fall §§§. Auch hatten sich viele ein rotes Taschentuch um den Hals gebunden. Am Stadtrand hatten schon einige Feuerwehrmänner von Fulda Aufstellung genommen. Aber auf Grund der vielen jungen Männer hielten sie sich zurück.

Die Geschäfte in der Löhrstraße und in der Karlstraße, welche schon geöffnet hatten schlossen ihre Schaufenster wieder. Der Führer der arbeitslosen Bergleute war ein Alfred Adam aus Niederkalbach von einer Familie mit acht Kindern.

Vor dem Haus, wo sich heute die Metzgerei Ruppel befindet wurde halt gemacht. Alfred Adam ging in das Haus und erschien im 1. Stock in einem Fenster wo er eine Rede an seine Kollegen und an die Bürger von Fulda hielt, welche aus Neugierde gekommen waren. Vom jetzigen Elektrogeschäft Schiebelhut bis zum Hotel Windmühle sei die Straße voll Menschen gewesen sein. Alfred Adam war in den Parteien ganz links und soll eine große Redegabe besessen haben. Alfred Adam war in 1901 in Niederkalbach geboren. Als Alfred Adam seine Rede beendet hatte, setzte sich der Marsch durch die Mittelstraße, Friedrichstraße unter Begleitung der Fuldaer Feuerwehrmänner von Fulda zum Landratsamt in Bewegung. Auch vor dem Schloss und im hinteren Schlosshof waren Feuerwehrmänner als Wachpersonal aufgeboten. Der damalige Landrat war ein Herr Springorum. Hatte einen Spitzbart und einen schiefen Mund. Der Landrat weigerte sich mit den Bergleuten ein Gespräch zu führen. Er forderte die Feuerwehrmänner auf den hinteren Schlosshof zu räumen. Aber was waren die Feuerwehrmänner gegen die vielen Bittsteller, die ihre Not zum Ausdruck bringen wollten. Abwechselnd gab es Sprechchöre und die Internationale wurde gesungen unter Einnahme einer drohenden Haltung.

Nach längeren Zeit erschien ein Beamter des Landratsamtes im Hof und gab bekannt, das der Herr Landrat bereit sei eine Abordnung von zwei Mann zu empfangen. Alfred Adam und noch ein Bergmann wurden dazu bestimmt (der zweite Bergmann ist nicht bekannt). Nach gut einer Stunde kamen die zwei wieder aus dem Landratsamt heraus. Alfred Adam hatte einen Hut voll Fahrkarten und die Zusage, dass sich der Landrat um ihre Notlage umgehend kümmern werde. Da sich in Berlin an jenem fraglichen Morgen etwas Politisches ereignet hatte, war in Fulda die Reichswehr ausgerückt und hatte alle wichtigen Plätze der Stadt besetzt. So wurden vom Landrat die Bergleute aufgefordert sich in kleinen Gruppen zum Bahnhof zu begeben. Die Bergleute hätten laut ihrer Aussage lieber das Geld für die Fahrkarte genommen und wieder zu Fuß nach Neuhof gegangen. Die roten Taschentücher der Bergleute mussten abgenommen werden und verschwanden in den Hosentaschen. Der Marsch nach Fulda hatte Erfolg, denn in einer Notstandsmaßnahme wurden der Ackerweg und der Weg zum Kaliberg gestickt.

Erstellt von Josef Heimüller Rommerzer Straße 2 6404 Neuhof 1989

 

 

Bergarbeiterstreik auf der Neuhöfer Werksanlage, von Egbert Vogel

Ein ungewöhnliches Geschehen beschäftigte die Menschen in unserer Region im Winter 1923/24. Die Arbeiter des Neuhöfer Kaliwerks streikten wegen gegensätzlicher Auffassungen über die finanzielle Situation im Kalibergbau.

Geschichtliches

Noch vor 200 Jahren war die Landwirtschaft auf ihrem Tiefpunkt. Die ausgelaugten Böden brachten nur noch schlechte Ernten. Dadurch kam es immer wieder zu Hungersnöten. Erst als um 1840 der Chemiker Justus von Liebig grundlegende Forschung im Bereich Pflanzenkunde betrieb, änderte sich das. Er bewies, dass zum Wachstum der Pflanzen außer Humus auch Mineralstoffe benötigt werden. Aus diesem Grund empfahl er künstlich zu düngen, um den Pflanzen die Stoffe wieder zu geben, die man ihnen bei der Ernte entzogen hatte.

Mehr durch Zufall fand man 1856 in Stassfurt im Abfall eines Steinsalzwerkes Kali. Ein Landwirt hatte zur Unkrautbekämpfung Teile von diesem „Abfall“ auf seinen Acker geworfen und sah erstaunt, dass da alles besser wuchs. Bei Nachforschungen wurde dann das als Dünger wirksame Kali analysiert. Danach sucht man in Deutschland gezielt nach diesem Düngemittel. Durch Bohrungen wurde an vielen Stellen fündig. Deshalb erlebte die Kaliindustrie, besonders nach der Jahrhundertwende, ein großer Aufschwung.

Günstige geologische Verhältnisse bestärkten die Hoffnung, auch in unserer näheren Heimat Kali zu finden. Deshalb begann man in 1898 im Süden des Kreises Fulda besonders bei Neuhof, Rommerz und Giesel, mit Probebohrungen. Bei mehreren Versuchen im Bereich Neuhof, Rommerz, Hauswurz, Giesel und Kerzell wurde man zwischen 500 und 600 Meter Tiefe fündig. Man fand dort zwei durch eine Steinsalzschicht getrennte, abbauwürdige Kaliflöze.

In 1905 gründete der Berliner Industrielle Emil Sauer das Unternehmen Hedwigsburg, das die Aufnahme der Kaliförderung zum Ziel hatte. Schon bald danach wurde mit der Teufe des ersten Schachtes begonnen. Nach der Fertigstellung im Dezember 1909 konnte sofort gefördert werden. Gleichzeitig mit den Arbeiten an der Schachtröhre wurde über Tage eine Mahlanlage gebaut. Das geförderte Kali konnte dann, auf eine bestimmte Korngröße auf gemahlen, sofort verkauft werden. Jetzt konnte man auch hochwertigere und konzentriertere Kalidünger anbiete.

Mit Unterbrechung in den Kriegsjahren 1914/18 wurde von 1912 bis 1920 ein zweiter Schacht geteuft.

Der Streik

Gravierender Arbeitsmangel und damit verbundene Lohneinbußen waren letztlich der Grund für Spannungen zwischen der Leitung des Werkes Neuhof – Ellers und den dort beschäftigten Bergleuten. Die Firmenleitung teilte nämlich dem Landrat mit, „dass die wirtschaftliche Notlage der Kaliindustrie die unverzügliche Rückkehr zur Vorkriegsarbeitszeit, wie das bereits in anderen Industrien geschehen ist, erfordert“! Damit war gemeint, dass die 1918 eingeführte achtstündige Arbeitszeit wieder auf 10 Stunden erhöht werden sollte. Gleichzeitig kündigte die Firmenleitung Feierschichten für den 22. Dezember 1923 an, wenn sich die Belegschaft weigere die neuen Bedingungen zu akzeptieren. Außerdem wurde der gesamten Belegschaft vorsorglich zum 27. Dezember 1923 gekündigt. Als Erklärung wurde angegeben, dass sich in den Schuppen 600 Eisenbahnwaggons mit Beständen angesammelt hätten und noch größere Salzmengen in ungemahlenem Zustand auf Halde gestürzt worden seien.

Die Bergarbeiter reagierten empört. Auf zwei, am 21. Dezember 1923, getrennt geführten Betriebsversammlungen beschlossen sowohl die Mitglieder der freien Gewerkschaften als auch die der christlichen Gewerkschaften die Maßnahmen der Firmenleitung abzulehnen und durch einen Streik ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Außerdem waren sich beide, in Neuhof ungefähr gleich starken Gewerkschaften einig, zu den geplanten Feierschichten am 22. Dezember 1923 nicht anzutreten. Obwohl der Betriebsrat zugestimmt hatte Notstandsarbeiten durchzuführen, wurden auch die bestreikt. Da nun auch keine Pumpenarbeiten stattfinden konnten, entstand eine gewisse Notlage. Deshalb entschloss sich die Firmenleitung ihre Beamten für diese Arbeiten einzusetzen. Aber nur wenig dieser Arbeitswilligen konnte durch den dichten Ring, den die Streikenden um das Werk gezogen hatten, gelangen.

Bergarbeiterstreik FZ 15.3.1924
                                                   


Bergarbeiter Streik FZ 19.3.1924

rem 32020